Die Geschichte vom kleinen Stein

Es war einmal ein kleiner Stein. Eigentlich war es ein ganz kleiner Felsbrocken, der da am Rande eines Weges im Walde lag. Nicht weit davon entfernt stand seine Mutter, sie war der große Stein, fest in der Erde und fast wie angewachsen stand sie da. Der kleine Felsbrocken war noch nicht alt, doch bald wunderte er sich, wo sein Vater war und fragte dies seine Mutter, den grossen Stein. Man muss dazu sagen, daß jeder kleine Felsbrocken einen Vater hatte, denn die Kindersteine entstanden immer während großer Stürme, wenn ein Baum oder Fels auf den grossen Stein aufschlug. Doch bei seiner Mutter lag nie ein Fels und auch kein Baum lag in ihrer Nähe. Die Mutter war verlegen um eine Antwort, sagte aber schließlich: „Es war in einem kalten Winter. Da kamen große Eisschollen aus dem Norden, sie umschlossen mich ganz und eine Scholle drückte mich gar sehr. So bist du entstanden. Die Eisscholle ist im Frühjahr wieder verschwunden und heute wahrscheinlich längst getaut.“ Der kleine Felsbrocken war traurig, weil er seinen Vater wohl nie sehen würde. Doch bald schon wurde er vom Nachdenken abgelenkt, denn es begann die Schulzeit für den kleinen Stein. Seine Mutter grosser Stein schickte ihn in die Waldbachschule, mit dem Wind ging es hinaus und mit der Flut kam er wieder heim. Die Schule machte dem kleinen Brocken viel Spaß. Er wirbelte mit den anderen Steinen umher und zwischen ihnen bewegten sich viele kleine Fische und Frösche. Doch eines Tages – die Steine und Fische übten Verstecken – riss den kleinen Brocken eine Welle herum, gerade als sich ein kleiner Fisch hinter ihm versteckte. Und weil unser kleiner Stein noch recht kantig und scharf war, verletzte er den kleinen Fisch etwas an der Haut. Die Lehrerin, Frau Kröte, war sehr erbost und verbot dem kleinen Stein, weiter am Versteckspiel teilzunehmen. Auch die anderen Fischlein wollten plötzlich nichts mehr vom kleinen Stein wissen und mieden ihn, wo sie nur konnten. Sie schubsten ihn sogar einmal in eine Höhle, aus der er nur sehr schwer wieder herausfand. Der kleine Steinsbrocken wurde traurig und fühlte sich auch irgendwie schuldig, weil er so kantig und eckig war. Sein Vater konnte ihm nicht helfen, denn er hatte keinen. Die Schuljahre im Wald mit Wind und Flut schleppten sich so dahin, doch eines Tages machte der kleine Stein auf seinem Schulweg Bekanntschaft mit einer Alge. Immer wenn er an ihr vorbeirollte, bewegten sie sich für einige Minuten zusammen in der Bachströmung und die rauschenden Wellen spielten die Musik dazu. Dem kleinen Stein gefiel das und er versuchte sich an ihr festzuhalten, doch er war nicht flink genug für die schnellen Bewegungen der Pflanze. Der kleine Stein verliebte sich in die Alge und fragte sie, ob sie seine Freundin werden wolle. „Oh – Nein!“ sagte sie lachend, sie habe doch schon einen Freund: „Siehst Du dort oben das helle Holzstück? Das ist er!“ und verschwand aus seinen Augen. Der kleine Stein schaute an die Oberfläche vom Bach und er sah viele Holzstückchen und Algen um die Wette tanzen. Sie bewegten sich harmonisch in den Wellen des Baches. Der kleine Stein wurde wieder traurig, weil er nur plump auf dem Grund entlangrollen konnte. Er weinte bitterlich, doch seine Mutter, der grosse Stein, gab ihm einen Spruch mit auf den Weg, der von seinem Großvater stammte:

Treibholz treibt der Sturm hinfort,
Es kann nicht rasten, kann nicht sinken.
Der Stein übt Treue seinem Ort,
Vom Grund des Baches kann er blinken.
Ein Holzstück ist sehr schnell verbrannt.
Die Menschen brauchen es fürs Feuer.
Der Stein wird in der Jugend oft verkannt.
Doch geschliffen ist er gut und teuer.

„Wo ist mein Großvater?“ fragte der kleine Stein. Die Mutter der grosse Stein meinte, er sei ein großer Fels gewesen, den die Menschen gesprengt hätten. Jetzt wäre er längst zu Kies und Sand zermahlen und sei über den ganzen Bergwald zerstreut. Der kleine Stein wollte auch geschliffen werden und rieb sich in den Wellen vom Bach immer wieder an dem Kies und Sand, der einmal sein Großvater war. Mit den Jahren wurde er immer runder und auch flacher. Er war recht nett anzusehen, mit einer kleinen Musterung, und er war überhaupt nicht mehr kantig und eckig. Wenn er nachts im Schatten seiner Mutter ruhte, träumte er von kleinen Menschen, die ihn einmal aufsammeln würden, ihn übers Wasser springen lassen oder sogar einstecken würden – zu einer Reise um die Welt.

Diese Geschichte als Startthema dient uns Leiterinnen zur Inspiration und soll die Fantasie der Kinder anregen, auch ohne vorgefertigtes Spielzeug die Waldspielgruppenzeit als kurweilig zu erleben.